Einzelhandel schlägt Alarm: „Aufrüsten“ mit Handelsfläche schadet Handelslandschaft insgesamt
In den letzten 30 Jahren hat sich die Fläche des Einzelhandels in Deutschland fast verdoppelt. Gab es 1980 rund 63 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche, waren es 2009 schon 120 Millionen. Die Zunahme entspricht der Fläche von über 8.000 Fußballfeldern. Und die Flächenexpansion geht unvermindert weiter.
Es gibt zu viel Fläche außerhalb der Innenstädte und Planungen für große Fabrikverkaufszentren – drei davon im Ausland in unmittelbarer Grenznähe. Diese Entwicklung führt zu einer wesentlichen Kaufkraft- und Umsatzverlagerung und wird für den vorhandenen Handel zunehmend zur Bedrohung, warnt der Einzelhandelsverband Baden-Württemberg.
Der bestehende baden-württembergische Handel sieht sich allein durch bereits jetzt konkret geplante Projekte in nächster Zukunft mindestens 250.000 Quadratmeter neuer Verkaufsfläche ausgesetzt. Dies wird schätzungsweise einen Umsatz von 1,25 Milliarden Euro binden, der woanders im Handel fehlen wird.
Neues Quartett von Fabrikverkaufszentren?
Roppenheim (F), Colmar (F), Wigoltingen (CH) und Sinsheim (D) – diese vier Orte haben eines gemeinsam: Sie sollen demnächst Standort für ein mehr oder minder großes Fabrikverkaufszentrum (FOC) werden und zielen dabei vor allem auf Kunden aus Baden-Württemberg.
Neuestes Projekt ist die geplante Ansiedlung eines Factory Outlet Centers (FOC) auf dem ehemaligen Messegelände Sinsheim mit über 10.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und 40 bis 60 Shops. Der Verband befürchtet bei einer großflächigen Verkaufseinrichtung mit überwiegend zentrenrelevantem Sortiment an der Autobahn A6 bei Sinsheim - mit ihrer Ausrichtung auf Kunden aus der Region - eine starke Gefährdung des Innenstadteinzelhandels im Umkreis von über 100 km. Betroffen wären also unter anderem auch die Oberzentren Heidelberg, Mannheim und Heilbronn. Inzwischen hat Ministerpräsident Stefan Mappus dem Projekt öffentlich eine deutliche Absage erteilt. Bereits vor einigen Wochen hatte der Einzelhandel in seinem „Nein“ zum FOC Sinsheim Unterstützung von Wirtschaftsminister Ernst Pfister, Staatssekretär Richard Drautz sowie die Fraktionsvorsitzenden Peter Hauk (CDU) und Hans-Ulrich Rülke (FDP) erhalten.
„Während also auf deutscher Seite die Landespolitik wie von uns gefordert – auch dank klarer Regularien bei der Raumplanung – Ansiedlungsprojekte mit Augenmaß betreibt, wird jenseits und doch nah der deutschen Grenze derzeit aufgerüstet“, kritisiert EHV-Präsident Horst Lenk.
Einzelhandelsverband aktiv gegen FOC-Flut
Zwar hat der Einzelhandelsverband Südbaden jahrelang gemeinsam mit französischen Partnern gegen das geplante Markendorf im elsässischen Roppenheim gekämpft und sogar erfolgreich bei der Regionalregierung im Elsass geklagt. Paris hat dann jedoch trotz enormer Widerstände anders entschieden. Nach Verzögerungen und einem Eigentümerwechsel soll der Bau nun beginnen. Die Eröffnung des 23.000 qm großen FOCs mit 117 Boutiquen ist bereits für Herbst 2011 geplant.
Im nur 100 km von Roppenheim entfernten Colmar wird ein FOC der Marke „Marques Avenue“ geplant, das von den Dimensionen her „Roppenheim in den Schatten stellen wird“. Auf rund 18.000 qm sollen 120 Geschäfte entstehen in einer kleinen Gemeinde nur 5 km von Colmar entfernt. Auch hier hat sich – wie in Roppenheim – der französische Handelsverband gegen das Projekt ausgesprochen, die im September erwartete Entscheidung ist jedoch offen.
Und auch ein drittes FOC nahe der deutschen Grenze – diesmal auf der Schweizer Seite – beschäftigt derzeit den Einzelhandelsverband: In Wigoltingen hat man von deutscher Seite aus keine rechtliche Handhabe, das Projekt mit einer möglichen Verkaufsfläche von bis zu 30.000 qm (rund 120 Geschäfte) zu verhindern.
„Wir brauchen langfristig eine engere Abstimmung der Verwaltungen auf beiden Seiten der Grenze. Denn all unsere Erfolge zur Eingrenzung von so genannten Fabrikverkäufen auf deutscher Seite werden von solchen grenznahen FOCs torpediert. Denn sie zielen vor allem auf eines: Den Kunden aus Baden-Württemberg“, macht Horst Lenk die Dimension deutlich. Diese Umsätze werden dem Einzelhandel in Baden-Württemberg fehlen, weil jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann.
Flächenwachstum gibt es aktuell auch an anderer Stelle: Auch das bestehende Fabrikverkaufszentrum im baden-württembergischen Wertheim soll in Kürze auf 19.400 qm (derzeit: 13.500 qm Verkaufsfläche) erweitert werden.
Interkommunale Abstimmung notwendig
Die Verbraucher werden auch künftig nicht mehr Geld für den Konsum zur Verfügung haben, warnt der Verband. Wachsen die Flächen ohne Unterlass – im Inland wie im benachbarten Ausland – geht das auf Kosten vieler einheimischer Geschäfte und letztendlich zu Lasten der Einkaufsqualität in unseren Städten. Deshalb muss auch das Kirchturmdenken derjenigen Bürgermeister aufhören, die einen regelrechten Wettlauf um neue Ansiedlungsprojekte gegen die Nachbarkommunen austragen. „Die Zulassung von großflächigen Einzelhandelsprojekten muss entsprechend den vorhandenen Instrumenten der Bauleitplanung wie dem Einzelhandelserlass strikt abgewogen werden“, fordert EHV-Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. „Es geht nicht um die Verhinderung von neuem Handel, denn wir sind wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig auf eigene Dynamik, Innovation und Kundenorientierung angewiesen. Aber das Motto muss immer sein: Der richtige Handel am richtigen Standort. Und bei Sinsheim wie auch bei den großen Outletcentern in kleinen Gemeinden jenseits der Grenze stimmt dieser Leitsatz nicht mehr.“ Eine noch engere Abstimmung strebt der EHV auch mit den Handelsverbänden der Nachbarbundesländer an, etwa beim aktuellen FOC-Projekt im bayerischen Herrieden. Dort will ein holländischer Investor an der A6 Heilbronn-Nürnberg und nur 25 km von der baden-württembergischen Grenze entfernt ein bis zu 9.000 qm großes Fabrikverkaufszentrum neu bauen.
Weitere Infos zum Thema FOC-Planungen in Baden-Württemberg:
Christoph Wufka, EHV-Referent Ansiedlungen und Raumplanung, Tel 0711/64864-27


